Zwangsstörungen: Wenn Rituale den Alltag kontrollieren

Kennen Sie das? Sie waren gerade im Keller, sind auf dem Weg nach oben und plötzlich schießt Ihnen der Gedanke in den Kopf: „Habe ich das Licht wirklich ausgemacht?“ Ihr Verstand sagt Ihnen ganz klar: „Ja, natürlich.“ Doch dann meldet sich dieser gewaltige innere Drang, der es Ihnen unmöglich macht, einfach weiterzugehen. Sie müssen noch einmal nachsehen.

Das Frustrierende an Kontrollzwängen – etwa auch bei der Frage, ob der Herd aus oder die Tür abgeschlossen ist – ist das innere Kopfkino. Oft läuft unwillkürlich ein Film ab, wie das Haus abbrennt oder jemand zu Schaden kommt und Sie die Schuld daran tragen. Ähnlich ist es bei Waschzwängen aus der Angst heraus, krank zu werden: Sie waschen sich immer wieder die Hände, obwohl die Haut längst rissig ist und schmerzt. Sie wissen, dass es logisch gesehen unsinnig ist, aber Sie können nicht anders. Ein Zwang fühlt sich oft an wie ein innerer Diktator, gegen den man mit reiner Willenskraft kaum ankommt.

Der unsichtbare Ursprung: Warum das Symptom nicht die Ursache ist

Oftmals bricht ein Zwang in einer Phase aus, in der wir starkem Stress ausgesetzt sind. Doch dieser aktuelle Stress ist meist nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Er ist der Auslöser, aber nicht die wahre Ursache.

Woher kommt also dieser extreme Drang zu kontrollieren oder zu waschen? Aus der Perspektive der Arbeit mit dem Unbewussten betrachten wir den Zwang als einen verzweifelten Versuch Ihres inneren Systems, Sicherheit herzustellen. Der Samen für den tiefen Glaubenssatz „Wenn ich nicht aufpasse, passiert eine Katastrophe und ich bin schuld“ wurde oft schon viel früher im Leben gepflanzt. Der Zwang ist letztlich der Versuch eines unbewussten Anteils in Ihnen, Sie vor dieser vermeintlichen Katastrophe oder vor einem unerträglichen Schuldgefühl zu beschützen – nur wählt er dafür ein Mittel, das Ihr Leben extrem einschränkt.

Wenn der Alltag zum Hindernislauf wird

Zwangsstörungen haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie meistens nicht von allein wieder verschwinden. Im Gegenteil: Unbehandelt tendieren sie dazu, sich auszudehnen. Aus einem einmaligen Kontrollieren des Herdes werden fünf Minuten, dann eine halbe Stunde, bis Sie irgendwann das Haus kaum noch verlassen können.

Das kostet unglaublich viel Kraft und Zeit. Zeit, die Ihnen für Freunde, Familie, Hobbys oder die Arbeit fehlt. Hinzu kommt oft eine große Scham. Weil Ihnen Ihr Verhalten selbst unangenehm ist, versuchen Sie vielleicht, den Zwang vor anderen zu verbergen. Dieser heimliche Kampf ist kräftezehrend und führt nicht selten dazu, dass Betroffene sich sozial immer weiter zurückziehen. Dass aus dieser permanenten Erschöpfung und Isolation heraus auch Gefühle von tiefer Traurigkeit oder depressiven Verstimmungen entstehen können, ist eine völlig verständliche Folge.

Diagnostik: Die innere Logik verstehen

Bevor wir einen gemeinsamen Weg aus dem Zwang erarbeiten, ist eine gründliche Bestandsaufnahme wichtig. Einerseits klären wir ab, ob die Zwangssymptome für sich allein stehen oder ob sie vielleicht eine Begleiterscheinung einer anderen Belastung (wie einer schweren Erschöpfungsdepression) sind.

Noch wichtiger ist es mir jedoch, die ganz individuelle Logik Ihres Zwangs zu verstehen. Wie genau beschreiben Sie Ihr Problem? Welcher „Wenn-Dann-Film“ läuft in Ihrem Kopf ab? Genau in diesen Beschreibungen liegen meist schon die wertvollsten Hinweise darauf, welche unbewussten Ängste hinter dem Zwang stehen und welche Form der Zusammenarbeit für Sie am sinnvollsten ist.

Therapie

In der gemeinsamen Arbeit geht es nicht darum, Ihnen Ihre Gedanken mit Gewalt zu verbieten. Wenn wir davon ausgehen, dass der Zwang ein (fehlgeleiteter) Versuch ist, Sie zu schützen, nützt es wenig, nur das Verhalten an der Oberfläche zu bekämpfen.

Stattdessen widmen wir uns den tieferliegenden Auslösern. Unser Ziel ist es, mit den unbewussten Wurzeln zu arbeiten und dem Anteil in Ihnen, der so große Angst vor Kontrollverlust oder Schuld hat, eine neue Form der Sicherheit zu vermitteln. Wenn die alte Angst an der Wurzel gelöst wird, wird der zwanghafte Schutzmechanismus im Idealfall überflüssig. Das Ziel unserer Zusammenarbeit ist es, dass Sie Schritt für Schritt die Regie über Ihr Leben zurückgewinnen – damit das Verlassen des Hauses oder das Händewaschen wieder das wird, was es sein sollte: eine ganz normale Nebensache, ohne inneren Alarm.

Holen Sie sich die Regie über Ihren Alltag zurück

Sie müssen diesen kräftezehrenden Kampf nicht alleine weiterführen.


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